Diese Woche hat mich eine Meldung aus der Mathematik mehr beschäftigt als die meisten KI-Schlagzeilen: Ein Reasoning-Modell von OpenAI hat zu einer fast 80 Jahre alten Erdős-Vermutung (1946, rund um die sogenannte Einheitsdistanz) etwas beigetragen, das selbst skeptische Spitzenmathematiker aufhorchen lässt.
Wichtig ist die Nuance, nicht das „KI ersetzt Mathematiker"-Narrativ:
– Die KI hat die Vermutung nicht bewiesen – sie hat ein Gegenbeispiel konstruiert, das sie widerlegt: über ein höherdimensionales Gitter, das in die Ebene projiziert den bisherigen Rekord schlägt.
– Sie hat dabei keine völlig neue Mathematik erfunden, sondern bekannte Werkzeuge so kombiniert, wie es vorher niemand getan hatte.
– Eine der beteiligten Forscherinnen hat eine schöne Erklärung dafür: Menschen waren darauf fixiert, die Vermutung zu beweisen – und übersahen den Weg, sie zu widerlegen. Die KI hatte diese Voreingenommenheit nicht.
– Und trotzdem brauchte es menschliche Prüfung, um das Ergebnis sauber zu machen. Ein Mathematiker hat es kurz darauf sogar noch verbessert.
Genau das ist für mich das realistische Bild von KI heute: kein Ersatz, sondern ein Werkzeug, das den Lösungsraum anders absucht als wir – frei von einigen unserer blinden Flecken. Das Beste entsteht, wenn beides zusammenkommt.
Timothy Gowers fasst es so zusammen, dass kein zuvor von einer KI erzeugter Beweis dem auch nur nahegekommen sei.
Zum Artikel: https://www.scientificamerican.com/article/ai-just-solved-an-80-year-old-erdos-problem-and-mathematicians-are-amazed/